Harninkontinenz bedeutet unwillkürlichen Urinverlust. Sie ist kein einheitliches Krankheitsbild. Ob Urin beim Husten, beim Sport, zusammen mit starkem Harndrang oder wegen einer unvollständigen Blasenentleerung verloren geht, verändert die Diagnostik und die Behandlung deutlich.
Die wichtigste erste Frage lautet deshalb nicht „Welche Operation?“, sondern: Welche Form der Inkontinenz liegt vor?
Die wichtigsten Formen
Belastungsinkontinenz
Urinverlust tritt bei Husten, Niesen, Lachen, Sport oder Heben auf. Ursache ist meist eine unzureichende Unterstützung von Harnröhre und Beckenboden.Dranginkontinenz
Ein plötzlich starker, kaum aufschiebbarer Harndrang steht im Vordergrund; der Urinverlust kann vor Erreichen der Toilette auftreten.Mischinkontinenz
Belastungs- und Drangsymptome kommen gemeinsam vor. Für die Therapie ist wichtig, welcher Anteil am stärksten belastet.Überlauf- oder Entleerungsstörung
Die Blase entleert sich nicht ausreichend und es kann zu Restharn und Urinverlust kommen. Hier ist die Behandlung grundsätzlich anders.Wie wird die Ursache abgeklärt?
Zur Basisdiagnostik gehören Anamnese, körperliche Untersuchung und meist eine Urinuntersuchung. Ein Blasentagebuch kann Trinkmenge, Miktionen, Harndrang und Inkontinenzereignisse sichtbar machen.
Restharnmessung ist sinnvoll, wenn eine Entleerungsstörung vermutet wird. Urodynamik ist nicht bei jeder unkomplizierten Belastungs- oder Dranginkontinenz notwendig; sie wird eingesetzt, wenn die Diagnose unklar ist oder das Ergebnis eine invasive Therapieentscheidung verändern kann. [S09]
Beckenbodentraining
Bei Belastungs- oder Mischinkontinenz empfehlen EAU und NICE ein angeleitetes Beckenbodentraining über mindestens drei Monate als Erstlinientherapie. [S09,S10]
Entscheidend ist, dass die richtige Muskulatur angespannt und auch wieder entspannt werden kann. „Kegel-Übungen“ sind nicht einfach möglichst häufiges Anspannen.
Blasentraining
Bei Dranginkontinenz und überaktiver Blase gehört Blasentraining zur ersten Behandlungsstufe. Dabei werden Harndrang, Trinkverhalten und Miktion strukturiert trainiert. [S09,S10]
Koffeinreduktion, Gewichtsmanagement bei Übergewicht und die Behandlung von Verstopfung können je nach Situation ebenfalls sinnvoll sein.
Medikamente
Bei Dranginkontinenz können antimuskarinische Medikamente oder Beta-3-Agonisten eingesetzt werden. Auswahl und Nebenwirkungen müssen individuell besprochen werden.
Bei postmenopausalen Frauen mit urogenitaler Atrophie kann lokales vaginales Östrogen je nach Symptomkonstellation hilfreich sein. Systemische Hormontherapie ist nicht automatisch eine Inkontinenzbehandlung. [S09]
Operationen bei Belastungsinkontinenz
Wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichend helfen und die Belastungsinkontinenz deutlich einschränkt, kommen operative Verfahren infrage. Dazu gehören je nach Patientin unter anderem Midurethral Slings, autologe Schlingen oder Kolposuspension.
Die Entscheidung sollte nach Aufklärung über Nutzen, Alternativen und Risiken gemeinsam getroffen werden. [S09]
Laser oder „vaginale Verjüngung“ gegen Inkontinenz?
EAU empfiehlt vaginale Lasertherapie zur Behandlung der Belastungsinkontinenz nicht außerhalb kontrollierter Forschungsprogramme, weil die Evidenz und Langzeitdaten nicht ausreichen. [S09]
Kosmetische „Vaginal Rejuvenation“ ist daher kein Ersatz für eine leitliniengerechte Inkontinenzdiagnostik.
Wann ist eine rasche Abklärung wichtig?
- sichtbares Blut im Urin,
- Fieber und Schmerzen,
- plötzliches Unvermögen zu urinieren,
- wiederkehrende Infektionen,
- neue neurologische Symptome,
- ständiger Urinverlust ohne Harndrang.
Fazit
Harninkontinenz wird nach ihrem Mechanismus behandelt. Beckenbodentraining ist bei Belastungsinkontinenz zentral, Blasentraining bei Drangsymptomen; Medikamente und Operationen kommen je nach Befund hinzu.
Eine „eine Behandlung für alle“ gibt es nicht.
Medizinischer Redakteur: Op. Dr. Cem Özlük — Facharzt für Urologie
