Erektile Dysfunktion (ED) bezeichnet die wiederkehrende Unfähigkeit, eine für befriedigende sexuelle Aktivität ausreichende Erektion zu erreichen oder zu halten. Einzelne Situationen ohne ausreichende Erektion bedeuten noch keine Erkrankung.

ED ist außerdem nicht nur ein „Penisproblem“. Gefäße, Nerven, Hormone, Medikamente, psychische Belastung und Beziehungskontext können gleichzeitig beteiligt sein. Bei neu aufgetretener ED lohnt sich deshalb eine medizinische Abklärung. [S05]

Häufige Ursachen und Risikofaktoren

Zu den häufigen Zusammenhängen gehören:

  • Diabetes mellitus,
  • Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörung,
  • Rauchen,
  • Adipositas und Bewegungsmangel,
  • koronare bzw. andere Gefäßerkrankungen,
  • neurologische Erkrankungen,
  • Beckenoperationen oder Bestrahlung,
  • bestimmte Medikamente,
  • Hypogonadismus bei entsprechender Klinik,
  • Depression, Angst, Leistungsdruck und Beziehungskonflikte.

Oft besteht keine einzige Ursache, sondern eine Kombination.

Warum kann ED ein Gefäßsignal sein?

Penisarterien sind relativ klein. Gefäßbedingte Erektionsstörungen können deshalb bei manchen Männern früher auffallen als andere Symptome einer atherosklerotischen Erkrankung.

EAU empfiehlt, kardiovaskuläre und metabolische Risikofaktoren bei der ED-Abklärung mitzudenken. Das bedeutet nicht, dass jede ED eine Herzerkrankung beweist; sie kann aber Anlass sein, Blutdruck, Glukose-/Diabetesrisiko, Lipide und weitere Faktoren zu prüfen. [S05]

Basisdiagnostik

Die Erstabklärung umfasst typischerweise:

  • medizinische und sexuelle Anamnese,
  • Medikamenten- und Substanzanamnese,
  • körperliche Untersuchung,
  • Bewertung metabolischer/kardiovaskulärer Risiken,
  • Laboruntersuchungen je nach Situation.

EAU nennt unter anderem Nüchternglukose/HbA1c, Lipidprofil und Gesamt-Testosteron im passenden klinischen Kontext. [S05]

Ein Penisdoppler oder andere Spezialtests sind keine Routinediagnostik für jeden Mann. Sie sind sinnvoll, wenn die zusätzliche Information die Behandlung tatsächlich verändern kann.

Lebensstil und behandelbare Faktoren

Gewichtsreduktion bei Übergewicht, regelmäßige körperliche Aktivität, Rauchstopp und Behandlung von Diabetes, Blutdruck oder Dyslipidämie können Gefäßgesundheit und teilweise auch die Erektionsfunktion verbessern.

Wenn ein Medikament als möglicher Auslöser infrage kommt, sollte es nicht eigenständig abgesetzt werden. Stattdessen wird geprüft, ob eine medizinisch vertretbare Alternative existiert.

PDE5-Hemmer: etablierte Erstlinientherapie

Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil und Avanafil gehören zu den etablierten medikamentösen Erstlinienoptionen. Sie verstärken die natürliche Erektionsreaktion bei sexueller Stimulation; sie erzeugen nicht unabhängig von Erregung automatisch eine Erektion. [S05]

Vor der Einstufung als „Therapieversagen“ sollten korrekte Dosis, Einnahmezeitpunkt, ausreichende sexuelle Stimulation und mehrere Versuche berücksichtigt werden.

Wichtig: Nitrate dürfen wegen potenziell gefährlicher Blutdruckabfälle nicht mit PDE5-Hemmern kombiniert werden.

Was, wenn Tabletten nicht ausreichen?

Je nach Ursache, Präferenz und Kontraindikationen kommen infrage:

Vakuumerektionsgerät

Ein Vakuum erzeugt Blutfüllung im Penis; ein Ring kann die Erektion vorübergehend erhalten. Es ist medikamentenfrei, kann aber als mechanisch oder unkomfortabel empfunden werden.

Intrakavernöse Injektionen

Vasoaktive Medikamente werden direkt in den Penisschwellkörper injiziert. Die Methode kann sehr wirksam sein, erfordert aber Schulung und Aufklärung über Priapismus, Schmerzen und lokale Nebenwirkungen.

Niedrigintensive Stoßwelle

Low-intensity shockwave therapy kann bei ausgewählten Männern mit milder vaskulogener ED erwogen werden. Die EAU-Empfehlung ist jedoch schwach; sie ist keine universell bewiesene „Regeneration“ für alle ED-Ursachen. [S05]

Penisprothese

Wenn weniger invasive Therapien nicht ausreichend wirken oder ein Patient nach Beratung eine definitive chirurgische Lösung bevorzugt, ist eine Penisprothese eine etablierte Option. Sie behandelt die Erektionshärte, nicht primär Penisgröße oder Lust. [S05]

PRP/P-Shot und „regenerative“ Angebote

PRP/P-Shot, Stammzell- oder ähnliche regenerative Konzepte werden beworben, aber für eine routinemäßige Standardtherapie der ED fehlen weiterhin ausreichend robuste Langzeitdaten.

„Natürlich“ oder „regenerativ“ ist daher kein Ersatz für klinische Evidenz.

Psychogene und gemischte ED

Leistungsangst, Depression, Beziehungskonflikte oder traumatische Erfahrungen können die Erektionsfähigkeit beeinflussen. Gleichzeitig kann eine organische ED psychischen Druck erzeugen.

Psychologische oder sexualtherapeutische Unterstützung ist deshalb keine Aussage, dass die Beschwerden „nur im Kopf“ seien. Bei gemischten Ursachen kann eine Kombination aus somatischer und psychosexueller Behandlung sinnvoll sein.

Wann ist rasche Abklärung wichtig?

Eine zeitnahe medizinische Beurteilung ist sinnvoll bei:

  • plötzlich neu aufgetretener anhaltender ED,
  • ED zusammen mit Brustschmerz oder deutlich eingeschränkter Belastbarkeit,
  • neurologischen Ausfällen,
  • Verletzung oder deutlicher Penisdeformität,
  • schmerzhafter Erektion oder Priapismus,
  • ausgeprägtem Libidoverlust zusammen mit Zeichen einer Hormonstörung.

Fazit

ED ist eine häufige, behandelbare Funktionsstörung mit vielen möglichen Ursachen. Die wirksamste Strategie besteht nicht darin, möglichst schnell eine einzelne Therapie auszuwählen, sondern Ursache, Risikoprofil, Medikamente und Ziele strukturiert zu beurteilen.

PDE5-Hemmer sind etablierte Erstlinienmedikamente; Vakuum, Injektionen und Penisprothese sind je nach Situation weitere Optionen. Stoßwelle und regenerative Verfahren müssen nach Evidenzniveau differenziert betrachtet werden.

Medizinischer Redakteur: Op. Dr. Cem Özlük — Facharzt für Urologie

Quelle

- [S05] EAU Guidelines — Management of Erectile Dysfunction.