Wenn eine Schwangerschaft trotz regelmäßigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr ausbleibt, sollte die Fruchtbarkeit beider Partner betrachtet werden. Männliche Infertilität ist weder nur eine Frage der Spermienzahl noch automatisch eine endgültige Diagnose.
Die EAU empfiehlt eine strukturierte Anamnese, körperliche Untersuchung und standardisierte Samenanalyse. Bei auffälligem Befund wird die Samenanalyse in der Regel wiederholt, weil einzelne Parameter biologisch schwanken können. [S07]
Wann beginnt die Abklärung?
Häufig wird nach etwa zwölf Monaten ohne Schwangerschaft mit der Infertilitätsdiagnostik begonnen. Früher kann eine Abklärung sinnvoll sein, wenn bekannte Risikofaktoren vorliegen, die Partnerin älter ist oder bereits auffällige Befunde bestehen.
Da Zeit für beide Partner relevant ist, sollte die Untersuchung nicht isoliert nacheinander erfolgen.
Was gehört zur männlichen Anamnese?
Wichtige Fragen betreffen unter anderem:
- frühere Hodenhochstände,
- Hodentorsion oder Hodentrauma,
- Mumpsorchitis oder andere Infektionen,
- Varikozele,
- Leisten-/Skrotaloperationen,
- Chemo- oder Strahlentherapie,
- Medikamente,
- Testosteron oder anabole Steroide,
- sexuelle Funktion und Ejakulation,
- Hitze-/Umweltexposition und Lebensstil,
- frühere Schwangerschaften.
Auch Familienanamnese und genetische Hinweise können relevant sein.
Samenanalyse: mehr als „gut“ oder „schlecht“
Eine Spermiogramm-Untersuchung erfasst unter anderem Konzentration, Gesamtzahl, Beweglichkeit und Morphologie. Ein einzelner Wert außerhalb eines Referenzbereichs beweist nicht automatisch Unfruchtbarkeit, und ein unauffälliges Spermiogramm garantiert keine Schwangerschaft.
Bei einem klar pathologischen ersten Befund empfiehlt die EAU üblicherweise eine Bestätigung mit einer weiteren standardisierten Analyse. [S07]
Hormone
FSH, LH, Gesamt-Testosteron und gegebenenfalls weitere Hormone werden abhängig vom klinischen Bild und Spermiogramm eingesetzt. Sie helfen insbesondere dabei, zwischen Störungen der Hodenfunktion und zentralen hormonellen Ursachen zu unterscheiden.
Exogenes Testosteron ist keine Behandlung der männlichen Infertilität. Es kann die körpereigene Gonadotropinproduktion und damit die Spermatogenese stark unterdrücken. [S07]
Wann sind genetische Untersuchungen sinnvoll?
Bei Azoospermie oder ausgeprägter Oligozoospermie können Karyotyp, Y-Chromosom-Mikrodeletionsanalyse oder CFTR-Diagnostik je nach Befund angezeigt sein.
Genetische Diagnostik ist keine Routineuntersuchung für jeden Patienten, kann aber Therapieentscheidungen und die Beratung vor assistierter Reproduktion wesentlich beeinflussen.
Varikozele
Eine tastbare Varikozele kann bei ausgewählten infertilen Männern mit pathologischem Spermiogramm relevant sein. Ob eine Operation sinnvoll ist, hängt vom klinischen Gesamtbild ab.
Nicht jede sonographisch sichtbare Varikozele benötigt eine Behandlung, und eine Operation garantiert keine spontane Schwangerschaft.
DNA-Fragmentation
Tests zur Spermien-DNA-Fragmentation sind kein allgemeines Screening für jeden Mann. Sie können in ausgewählten Situationen zusätzliche Informationen liefern, zum Beispiel bei wiederholten Schwangerschaftsverlusten, ungeklärter Infertilität oder bestimmten ART-Konstellationen. [S07]
Obstruktive und nichtobstruktive Azoospermie
Wenn im Ejakulat keine Spermien nachweisbar sind, muss geklärt werden, ob eine Blockade des Samenwegs oder eine eingeschränkte Spermienproduktion vorliegt.
Die Unterscheidung beeinflusst die Therapie:
- rekonstruktive Operation bei geeigneter Obstruktion,
- epididymale/testikuläre Spermiengewinnung,
- bei nichtobstruktiver Azoospermie in ausgewählten Fällen micro-TESE,
- assistierte Reproduktion je nach Paarbefund.
Lebensstil und Nahrungsergänzung
Rauchstopp, gesundes Körpergewicht, körperliche Aktivität, moderater Alkoholkonsum und die Vermeidung unnötiger Hitze-/Toxinexposition sind vernünftige Gesundheitsmaßnahmen.
Antioxidantien und Nahrungsergänzungen sollten jedoch nicht die Suche nach einer behandelbaren Ursache ersetzen. Studien zu Supplements sind heterogen, und „mehr“ ist nicht automatisch wirksamer.
Welche Rolle spielt die Partnerin?
Schwangerschaft ist ein Paarergebnis. Alter und ovarielle Reserve der Partnerin, Eileiterstatus und weitere Faktoren können bestimmen, wie viel Zeit für eine männliche Therapie sinnvoll ist und ob eine ART-Strategie früher erwogen wird.
Deshalb sollte die männliche Behandlung nicht ohne den reproduktionsmedizinischen Kontext der Partnerin geplant werden.
Fazit
Die moderne männliche Infertilitätsdiagnostik fragt nicht nur „Wie viele Spermien sind vorhanden?“, sondern warum ein Befund verändert ist und ob daraus eine behandelbare Ursache oder eine bessere reproduktive Strategie folgt.
Spermiogramm, Hormone, Genetik, Sonographie und operative Verfahren werden gezielt eingesetzt – nicht automatisch bei jedem Patienten.
Medizinischer Redakteur: Op. Dr. Cem Özlük — Facharzt für Urologie
